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Louis Lugand (1905–1945)

Französischer Kriegsgefangener – Zwangsarbeit – Erinnerung

​Ein individuelles Schicksal im Herzen der europäischen Geschichte

 

Louis Lugand gehört zu jenen Millionen von Männern, die der Zweite Weltkrieg brutal aus ihrem Leben, aus ihren Familien und aus ihrer Zukunft gerissen hat.
Seine Geschichte, lange Zeit im Schatten geblieben, ist die eines französischen Kriegsgefangenen, der in Deutschland zur Zwangsarbeit herangezogen wurde und schließlich in der absurden Gewalt der letzten Kriegstage ums Leben kam – in dem Moment, in dem die Freiheit bereits zum Greifen nahe war.

Die Initiative Rencontre Réconciliation teilt dieses Zeugnis im Sinne der Weitergabe, des Verstehens und der kritischen Auseinandersetzung mit den Hinterlassenschaften von Krieg in Europa und darüber hinaus.

Warum diese Geschichte heute erzählen?

 

Weil Kriegsgefangene lange Zeit einen marginalen Platz in den nationalen Erinnerungskulturen eingenommen haben.
Weil ihr Leiden häufig verschwiegen, relativiert oder von anderen Kriegserinnerungen überlagert wurde.
Weil Verletzungen nicht mit dem Ende der Kämpfe verschwinden, sondern sich mitunter still an die nächsten Generationen weitergeben.

Die Geschichte von Louis Lugand zu erzählen bedeutet:
– einem verschwundenen Menschen Identität und Würde zurückzugeben,
– die Mechanismen der Entmenschlichung im Krieg zu verstehen,
– familiäre und europäische Nachwirkungen zu hinterfragen,
– einen Raum für Verantwortung, Erinnerung, Weitergabe und Versöhnung zu öffnen.

Vor dem Krieg: ein Leben im Alltag

 

Louis Lugand wird 1905 geboren.
Vor dem Krieg ist er Landwirt, tief verbunden mit der Erde und einem Lebensrhythmus, der von Arbeit, Familie und Weitergabe geprägt ist. Sein Lebensweg steht exemplarisch für viele Männer seiner Generation, deren Existenz durch den Krieg gewaltsam umgelenkt wurde.

Er wird spät mobilisiert und am 20. November 1940 in Straßburg als Pionier dem Bataillon 213 zugeteilt.
Weniger als zwei Monate später, am 14. Januar 1941, gerät er in deutsche Kriegsgefangenschaft.

​Gefangenschaft und Zwangsarbeit

 

Nach seiner Gefangennahme wird Louis Lugand in mehreren Lagern interniert, bevor er in das Stalag V A in Ludwigsburg verlegt wird, eines der großen deutschen Kriegsgefangenenlager für Mannschaften und Unteroffiziere.

Wie die große Mehrheit der französischen Kriegsgefangenen wird er rasch als verfügbare Arbeitskraft betrachtet.
Er wird zur Zwangsarbeit in das Daimler-Benz-Werk in Sindelfingen abkommandiert.

Wie die große Mehrheit der französischen Kriegsgefangenen wird er rasch als verfügbare Arbeitskraft betrachtet.
Er wird zur Zwangsarbeit in das Daimler-Benz-Werk in Sindelfingen abkommandiert.

​Die letzten Monate: Zwangsmarsch und Tragödie

 

Mit dem Herannahen des Kriegsendes werden die französischen Kriegsgefangenen hastig verlegt.
Von Ludwigsburg aus wird Louis Lugand zunächst nach Leonberg gebracht und anschließend zu einem mehrtägigen Zwangsmarsch von rund 70 Kilometern durch den Schurwald bis in die Region Göppingen gezwungen.

Am 10. April 1945 wird eine Gruppe von 825 Gefangenen auf umliegende Dörfer verteilt. Louis Lugand wird auf einem Bauernhof in Oberhausen untergebracht, wo er bei landwirtschaftlichen Arbeiten hilft – eine vertraute Tätigkeit, die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr weckt.

Am 19. April 1945, während sich amerikanische Truppen nähern, kommt es zu einem Schusswechsel, der einen Beschuss des Gebiets auslöst. Ein Bauernhof gerät in Brand.
Nach übereinstimmenden Zeugenaussagen versucht Louis Lugand, Tiere aus den Flammen zu retten. Dabei wird er durch Granatsplitter schwer verletzt und stirbt mangels medizinischer Versorgung in der Nacht vom 19. auf den 20. April 1945.

Er ist 40 Jahre alt.
Er stirbt am Tag seiner Befreiung.

Nach dem Tod: Grab und Rückkehr nach Frankreich

 

Zunächst wird Louis Lugand auf einem Grundstück der örtlichen katholischen Pfarrei in der Nähe des Unglücksortes beigesetzt.
Auf Wunsch seiner Familie wird sein Leichnam nach dem Krieg exhumiert und nach Frankreich überführt.
Er findet seine letzte Ruhestätte im Familiengrab in Orgelet, wo er am 6. März 1949 beigesetzt wird.

Ein beispielhaftes Erinnerungsprojekt

 

Diese Geschichte hätte ohne eine jahrelange, sorgfältige Forschungsarbeit in Deutschland und Frankreich nicht rekonstruiert werden können.
Die biografische und erinnerungskulturelle Arbeit zu Louis Lugand wurde von Frau Angelika Taudte, Projektverantwortliche, in Zusammenarbeit mit zahlreichen Zeitzeugen, Archivaren, Historikern und Institutionen durchgeführt.

Kommunale und regionale Archive, französische und deutsche historische Dienste, Dokumentationszentren sowie die Bewohner der betroffenen Orte haben gemeinsam eine grenzüberschreitende Erinnerung möglich gemacht.

Ausblick

Dieses Zeugnis ist Teil eines umfassenderen Projekts zu Kriegsgefangenen und ihren Nachwirkungen.
Es steht insbesondere in Resonanz mit dem Bericht von Jean Soulas, ehemaliger französischer Kriegsgefangener, sowie mit unseren kommenden Konferenzen, Webinaren und Publikationen.

— Dokumente aus der Originalpräsentation —

Die folgenden Dokumente stammen aus einer Präsentation, die im Rahmen der Forschungs- und Erinnerungsarbeit von Frau Angelika Taudte mit Unterstützung zahlreicher Zeugen, Archivare und Institutionen in Deutschland und Frankreich durchgeführt wurde.

Sie werden hier in ihrer ursprünglichen Form und ohne Änderungen präsentiert, um ihren Zusammenhang, ihre Bedeutung und ihren Geist zu wahren.

Luis Lugand Ib.JPG
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Quellenangaben und Recherchearbeit

 

Die oben vorgestellten Dokumente sind das Ergebnis eines umfangreichen Forschungs- und Erinnerungsprojekts, durchgeführt von:

Frau Angelika Taudte (Birenbach), Projektleiterin der biografischen Arbeiten, begonnen ab 2010 und seit 2015 öffentlich präsentiert,
Herrn Dominique Soulas de Russel, mit ergänzenden Recherchen und inhaltlichen Beiträgen.

 

Diese Arbeit basiert auf der Nutzung zahlreicher Quellen und Archive, darunter:
– Stadt- und Regionalarchive (Rechberghausen, Göppingen, Ludwigsburg, Merseburg),
– spezialisierte Archivsammlungen (ITS Arolsen, Bundesarchiv, Service historique de la Défense – Caen),
– Industriearchiv (Mercedes-Benz Classic),
– mündliche Zeugenaussagen von Bewohnern und Familienangehörigen der betroffenen Gemeinden.

 

Die Dokumente werden in ihrer ursprünglichen Form wiedergegeben, so wie sie für die öffentliche Präsentation bestimmt waren.


Die in die Bildtafeln integrierten Texte bilden die Bildunterschriften und Kontextinformationen zu den Bildern.

 

Bildnachweis

 

Die Fotografien und ikonografischen Dokumente stammen aus öffentlichen und privaten Quellen, darunter:
– Stadt- und Regionalarchive (Rechberghausen, Göppingen, Ludwigsburg),
– private Mittel (Bestand Frau Wahl, Oberhausen),
– lokale Dokumentensammlungen.

 

Die Fotografen und Rechteinhaber werden in der ursprünglichen Projektdokumentation (Angelika Taudte) gemäß den Angaben der Autoren der Präsentation genannt.

 

Rencontre Réconciliation dankt allen Personen, Zeugen, Archivaren und Institutionen, die zu diesem Gedenkwerk beigetragen haben.

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