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Auszug aus „Die Geschichte eines Sohnes, der nicht Vater werden wollte“

Sonntagsessen

Am Sonntagmittag war das Haus wie für eine Feier vorbereitet. Die helle Tischdecke, das aus dem Schrank geholte Geschirr, der Duft des Bratens, der den Flur erfüllte: Alles deutete auf ein besonders festliches Essen hin. Doch für Gerhard war es keine Feier. Es war eine Tortur.

Sein Vater nahm den Ehrenplatz am Kopfende des Tisches ein. Seine Mutter umgab ihn emsig und achtete auf jedes noch so kleine Anzeichen. Sein älterer Bruder hingegen wartete auf seinen Moment.

An einem Sonntag verkündete er mit selbstsicherer Stimme:

— „Unsere Lehrerin sagt, Hitler habe Deutschland zerstört.“

Einen Moment lang herrschte Stille.

Der Vater legte sein Messer beiseite und hob den Kopf.

— „Unsinn. Das sagen nur die Sieger.“

Der Bruder senkte den Blick nicht.

— „Aber er hat uns einige Texte gezeigt…“

Der Vater lächelte kurz und ironisch.

— „Wir wählen immer Texte aus, die einem Zweck dienen.“

Gerhard sah schweigend zu. Er sah, wie sein Bruder vorrückte und dann gegen eine Wand rannte. Sein Vater wurde nicht wütend. Er sprach ruhig, doch seine Stimme übertönte alles andere.

An einem weiteren Sonntag kam der Bruder mit einem neuen Streit zurück:

— „Wir haben einen Film gesehen… die Lager… das konnte nicht erfunden sein.“

Der Vater brach in ein trockenes Lachen aus.

— „Bilder! Glaubt ihr alles, was sie euch zeigen?“

Der Streit dauerte an diesem Tag länger. Dann kehrte wieder Stille ein.

Gerhard begriff daraufhin etwas Einfaches: Mit seinem Vater zu streiten, bedeutete immer zu verlieren.

Einmal jedoch wagte er es.

— „Aber, Vater… warum sind Sie sich so sicher, dass es nicht wahr ist?“

Der Vater drehte sich langsam zu ihm um.

— „Weil ich es weiß. Weil ich dabei war.“

Gerhard senkte den Kopf.

Und er wagte es nie, eine weitere Frage zu stellen.

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